Messie-Kunde, der (aus dem “Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene im Buchhandel”)

Auch als “Gibt’s hier was umsonst?”-Kunde bekannt, betritt diese Spezies von vorneherein die Buchhandlung ohne die Absicht, auch nur einen Cent dazulassen. Vielmehr besteht ein nahezu sportlicher Ehrgeiz darin, so viele Gegenstände wie möglich auf legalem Wege mitzunehmen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Kaum hat dieser Mensch den Laden betreten, läuft er die Regale ab und steckt sämtliche Prospekte, Werbehefte, Lesezeichen und Leseproben in seine Tasche, die er finden kann, Thema – egal, Verlag – egal, Hauptsache umsonst. Dann mustert er mit kennerischem Blick den Kassentisch. Liegt da vermutlich etwas dahinter, was er als kaufender Kunde bekommen könnte? Gibt es hier vielleicht die Tüten umsonst? Nach kalkulatorischen Berechnungen entscheidet er sich meist dafür, dann doch ein schmales Reclam-Heft (Kostenpunkt 1,60 €) zur Kasse zu tragen. Die höfliche Frage des Buchhändlers “Möchten Sie eine Tüte dazu?” wird beantwortet mit “Ja, bitte, und darf ich auch noch einen Stundenplan für meine Tochter und einen Greg-Button für meinen Sohn mitbekommen? (dieser Mensch ist garantiert alleinstehend und kinderlos), ach ja und da liegt ja noch ‚Ich schenk dir eine Geschichte’, das liest meine Enkelin immer so gerne… und die ‚Weihnachtsgeschichten am Kamin’, haben Sie da vielleicht noch eins übrig für mich?” sämtliche Errungenschaften krallt dieser Kunde mit gierigen Fingern, einen vorwurfsvollen Blick an den Buchhändler richtend, der es gewagt hat, das Reclam-Heft in eine kleine Tüte zu stecken, in die niemals diese ganzen Umsonst-Artikel passen werden. Hilft der vorwurfsvolle Blick nicht weiter, wird er auch hier konkreter: “Darf ich bitte eine große Tüte haben? Ich lauf gerne Werbung für Ihren Laden” Ja, nee, ist klar. Was der sonst neugierige Buchhändler in diesem Falle nicht wissen möchte, ist die Antwort auf die Frage, wie die Wohnung dieses Kunden wohl aussieht und wie lange die ergatterten Güter wohl aufgehoben werden, ohne dass der Flyer-Jäger einen Blick darauf wirft.

Häufig befallen: Männer 55+

Mögliche Gegenmaßnahmen: Große Tüte in die Hand drücken und die Flyer vom Vorjahr herausrücken, die man eigentlich schon längst hätte entsorgen wollen aber nie zur Altpapiertonne geschleppt hat. Denn seien wir doch mal ehrlich: Eigentlich sind doch die unaufgefordert zugeschickten Werbeheftchen von diversen Verlagen ein Fluch und diese Kunden ein Segen.

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