Die Liste der 10 überbewertetsten Autoren – Platz 2

Platz 2: Hermann Hesse (gelesen: “Der Steppenwolf”, “Unterm Rad”)

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Es ist eine Krankheit, die vermutlich alle Väter befällt, welche sich selbst dem Bildungsbürgertum zurechnen. Sobald die Kinder in ein Alter gekommen sind, in dem der Herr Papa glaubt, nun können sie gefallen an wahrer, großer, kanonisierter Literatur finden, nimmt er seine statistischen 1,6 Nachkommen zur Hand, führt sie zum Bücherregal und reicht ihnen mit ehrfurchtsvoller Stimme einen Band von Hermann Hesse, mit Worten wie: “Dieser Autor ist schon seit 100 Jahren bekannt und beliebt, er hat sogar einen Nobelpreis erhalten und ich bin mir sicher, er wird dir gefallen.” Der Jugendliche nimmt das Buch und fängt an zu lesen, vor allem durch die Feierlichkeit, welche diesem Anlass innewohnte neugierig geworden. Die mäßige Begeisterung, mit der der junge Leser dem nachfragenden Vater antwortet: “Joa, kann man wohl lesen” wird vom stolzen Erzeuger stets als Zustimmung interpretiert, welche wohl bloß in solch jungen Jahren nicht stärker formuliert werden darf. Sich selbst gut zuredend: “Das Buch HAT ihm gefallen, er will es bloß nicht zugeben, da der Autor ja kanonisiert und das deshalb vermutlich uncool ist” schenkt der Vater nun seinem Kind in regelmäßigen Abständen Hesse-Bücher zu jedem sich bietenden Anlass. Ein Glück, dass der Suhrkamp-Verlag durch etliche Geschenk-Editionen in allen Größen und Formen auf diese Nachfrage eingestellt ist. So kann es schon mal passieren, dass der Vater einen Titel gleich zweimal schenkt mit den Worten: “Ich dachte mir zwar, dass du das “Glasperlenspiel” schon hast, aber du bist doch ein Hesse-Fan und da konnte ich bei dieser besonders schönen Ausgabe nicht nein sagen.” Aufgrund dieser Tatsache ist es kaum verwunderlich, dass sich in jedem Bücherregal Deutschlands nicht eines, sondern mindestens drei Bücher des Autoren befinden.
Man könnte dies als väterlichen Spleen werten und Hesse getrost beiseite legen. Wenn man jedoch den literaturwissenschaftlichen Lehrbetrieb betrachtet, stellt man fest, dass Hesse dort ähnliche Aufmerksamkeit erhält. Nicht nur in der Schule werden Heranwachsende von seiner Literatur überrollt, nein auch an der Universität ist es möglich, ganze Studiengänge allein um diesen Autoren herum zu gestalten und sich jahrelang mit Hesses Leben und Wirken zu beschäftigen. Vermutlich verstehen sich sehr viele Dozenten und Professoren als “Väter” ihrer Studenten und sind somit der Hesse-Krankheit in großem Stile verfallen, den tiefen Wunsch in sich tragend durch Seminare und Vorlesungen den ihnen anvertrauten “Kindern” Hesse näherzubringen.
Ich selbst habe – durch das ehrfurchtsvolle gebahren meines Vaters animiert – “Der Steppenwolf” sowie “Unterm Rad” gelesen, welche, wenn ich anderen Stimmen glauben schenken mag, wohl zu den besseren Romanen des Autoren gehören. Beide Werke fand ich ausgesprochen mittelmäßig und in keiner Weise dieser hohen Bewertung gerecht werdend, welche Hesse überall erhält. Deshalb erreicht er in meiner Liste Platz zwei mit einer starken Option auf den ersten Platz. Sobald ich mir ein Herz gefasst und “Siddhartha” angelesen habe, werde ich mich erneut dazu äußern.

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