Zu-dicht-Steher, der (Aus dem “Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene im Buchhandel”)

Die persönliche Distanzzone des Menschen beginnt in einem Umkreis von ca. 50 cm. Näher als diese 50 cm lassen wir nur engste Freunde, Familienmitglieder sowie Partner an uns heran – und Kunden, die sich davon nicht abhalten lassen. Beginnt ein Buchhändler ein Verkaufsgespräch, so stets im Abstand von ca. 80 Zentimetern, gebührlicher Sicherheitsabstand will eingehalten werden. Der Kunde rückt näher: „Können Sie mir bitte dieses Buch bestellen?“ 70 Zentimeter: Buchhändler und Kunde bewegen sich zum Arbeitscomputer um über das gesuchte Buch zu recherchieren. Am Computer angekommen, bleiben Kunde und Buchhändler stehen. Abstand nun: 60 Zentimeter. Der Buchhändler geht einen Schritt zurück, der Kunde rückt zwei Schritte nach: 50 Zentimeter. Der Buchhändler beginnt, nach dem gesuchten Buch zu recherchieren, hat einen möglichen Titel gefunden und zeigt ihn auf dem Computermonitor. Der Kunde beugt sich nach vorne, um besser lesen zu können. Abstand nun: 40 Zentimeter. Der Buchhändler schnappt nach Luft, beugt den gesamten Oberkörper nach hinten, während der Kunde beginnt auf dem Computermonitor herumzutatschen, um dem Buchhändler bestimmte Stellen im Text zu zeigen. Da hat der Kunde noch eine Frage, möchte nicht zu laut reden im gut gefüllten Laden und beugt sich zum Ohr des Buchhändlers. Abstand: 30 Zentimeter. Der Händler versucht sich wegzudrehen, ein wenig Distanz zum Gesprächspartner aufzubauen, ist aber nunmehr eingekesselt zwischen Arbeitstisch, Computermonitor und omnipräsentem Körper des Kunden. Dieser ist erfreut über das gefundene Buch, erhält darüber eine gewisse Dynamik nach vorne, fällt fast in den Monitor und flüstert eindringlich: „Ja, das ist das richtige Buch, können Sie mir das bestellen?“ Abstand: 20 Zentimeter. Der Buchhändler schwitzt, sieht allerdings ein schnelles Ende des Verkaufsgespräches nahen und beginnt die Daten zur Bestellung aufzunehmen: „Wie ist denn ihr Name bitte?“ An dieser Stelle schafft der Kunde es stets, trotz geringstem Abstand zum Buchhändler des Vertrauens, so zu nuscheln, dass er kaum zu verstehen ist. Vermutlich als Taktik, den Buchhändler noch näher an sich heranzuziehen verwendet, bleibt diesem tatsächlich keine andere Wahl, als zu fragen: „Wie bitte?“, der Kunde rückt näher, spricht deutlicher. Abstand nunmehr 10 Zentimeter. Der Buchhändler tippt die Daten ein, ist erfreut, dass damit das Ende des Verkaufsgespräches erreicht ist und möchte sich aus dem Staub machen. Der Kunde bedankt sich, der Buchhändler wünscht einen schönen Tag, da rückt sie näher, die Hand des Kunden, 5 Zentimeter, 4 und schließlich: „Neeein“ (siehe auch: Tatscher)

Häufig betroffen: Frauen 60+

Mögliche Gegenmaßnahmen: keine bekannt. Das naheliegende “Ein Schritt zurück gehen” wird mit Verfolgung geahndet und irgendwann steht der verzweifelte Buchhändler zwangsläufig mit dem Rücken zur Wand (bzw. Bücherregal)

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